auf dem Rücken der Pferde...

 

Voltigieren

Beim Voltigieren handelt es sich um eine Sportart, bei der turnerische und akrobatische Übungen auf einem an einer Longe im Kreis gehenden Pferd ausgeführt werden.


Erste Ansätze des Voltigierens werden bereits in der Antike vermutet. Als Indiz werden Felszeichnungen nordgermanischer Stämme in Südskandinavien angesehen, die einen stehenden Menschen auf einem „pferdeähnlichen Tier“ zeigen. Auch auf Grabgemälden der Etrusker ist zu erkennen wie zwei Männer auf galoppierenden Pferden versuchten von einem Pferd auf das andere zu wechseln.
Bei den Römern gehörte das Voltigieren hauptsächlich zur militärischen Ausbildung der Soldaten. Dabei ging es im Wesentlichen um das Auf- und Abspringen an einem Holzpferd, damit die Technik auf echte Pferde umgesetzt werden konnte. Diese Gewandtheitsübungen befähigten den Reiter, Gefahren schnell und behände auszuweichen oder Gegnern erheblichen Schaden zuzufügen. Bei den alljährlichen altrömischen Spielen wurden nicht nur Pferde- und Wagenrennen ausgeführt, sondern auch akrobatische Übungen auf dem galoppierenden Pferd gezeigt.

Auch im Mittelalter erlernten die Ritter das Aufspringen auf das Pferd in ihrer Ausbildung. Die Aufsprünge erfolgten dabei in voller Rüstung. Zusätzlich mussten sie kunstvolle Übungen auf dem Pferd ausführen. Die Turniere und Wettkämpfe dienten zur Unterhaltung des Volkes und des Königs. Im Spätmittelalter kam es in Mode sich bei den Turnieren zu verkleiden.

Voltigieren in der Renaissance 1420-1600:
Die Renaissance war nicht nur die „Wiedergeburt“ im kulturellen, sondern auch im sportlichen Sinne der Antike. Nun war es nicht mehr ausreichend, wie im Mittelalter nur reiten und kämpfen zu können. Die Höflinge mussten gebildet sein, gute Manieren besitzen und sich vornehm und grazil bewegen können. Vor diesem Hintergrund entwickelte sich aus dem Auf- und Abspringen der mittelalterlichen Kampfspiele das eigentliche Voltigieren, welches mit dem lateinischen Begriff „volte sive giri“ bezeichnet wurde.

Bereits zwischen 1492 und 1509 wurden auch über das Voltigieren Bücher verfasst, z. B. von Petrus Monti. In seinen Werken beschrieb er Einzel- und Partnerübungen auf dem stehenden oder sich bewegenden Pferd. Auch Giocondo Baluda benannte 1630 in seinem Werk „Trattato del modo di volteggiare e saltare il cavallo di legno“ Übungen, die allerdings fast ausschließlich für die Ausführung auf einem Holzpferd gedacht waren. Dem Zeitgeist der Renaissance entsprechend, beschrieb er die Übungen mit Begriffen wie Anmut, Schönheit, Leichtigkeit, Sicherheit, Exaktheit und Perfektion. Nach Deutschland kam es durch den württembergischen Theologen Johann Valentin Andreä, der 1612 in Padua auf einer Italienreise das Pferdespringen für sich entdeckte und extra dafür eine Schule in Tübingen eröffnete.


Voltigieren im 17. und 18. Jahrhundert:
Auch in der Ausbildung der Soldaten im 17. und 18. Jahrhundert spielte das Voltigieren eine große Rolle und gewann immer mehr an Bedeutung. Die jungen Adeligen mussten sich nicht nur Wissen und gutes Benehmen aneignen, sondern auch das Können im Fechten, Tanzen, Reiten und Voltigieren.                                          Der Begriff  „Voltigieren“ wurde zu dieser Zeit als Oberbegriff für gymnastisch-turnerische Übungen am sich bewegenden Pferd geprägt. Ursprünglich als Vorübung und Ergänzung des Reitens gedacht, entwickelte sich das Voltigieren mit der Zeit zu einer selbstständigen Sportart, die man auch auf ein hölzernes Pferd übertrug.

Es entstanden die ersten Lehrbücher, die sich mit dem Voltigieren auf dem lebenden wie auf dem Holzpferd beschäftigten. Johann Georg Paschen schrieb 1661 eine „Kurtze jedoch gründliche Beschreibung des Voltesirens sowohl auf dem Pferd als über den Tisch.“ 1791 erschien das Werk des Kurmainzischen Hof- und Universitäts- sowie Fecht- und Voltigiermeisters Alexander Doyle „Auslegung der Voltagierkunst“. 30 Jahre später schrieb Johann Andreas Schmidt, Nürnberger Fecht- und Exerzitienmeister, das Buch „Gründlich lehrende Fechtschule, nebst einem curiösen Unterricht von Voltigieren und Ringen“. Alle drei Werke beschrieben den Ausbildungsteil des Voltigierens, der zum festen Bestandteil im Kanon der Leibesübungen in der Schulerziehung der Philanthropen wurde.

Lion hat sehr zur Entwicklung dieses Pferdesports beigetragen, denn 1795 gab er in seinem Buch „Die Turnübungen des gemischten Sprungs“ Hinweise zum Turnen auf dem galoppierenden Pferd. Außerdem wurde in seinem Werk zum ersten Mal ein Voltigiergurt erwähnt, welcher dem heutigen schon sehr ähnlich sah.
Besonders populär wurde das Pferdeturnen durch „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn, welcher den Turnsport in die heutige Form gebracht hat. Denn zu dieser Zeit entwickelten sich zwei „Zweigsportarten“ des Voltigierens. Zum einen wurde immer noch auf dem lebenden Pferd geturnt, zum anderen erfuhr das Turngerät Pferd immer größere Beliebtheit. Im 19. Jahrhundert wurde die Ausbildung im Voltigieren weitergeführt. Der Stallmeister des königlichen Lehreskadron Seidler schrieb 1843 eine „Anleitung zum Voltigieren, sowohl auf dem hölzernen Voltigierbock als auf dem lebendigen Pferd“.

Voltigieren zwischen den Weltkriegen:
Ein Jahrhundert später war das Voltigieren nicht mehr nur Bestandteil der militärischen Ausbildung. Ein Höhepunkt des Voltigierens war die einmalige Teilnahme an den Olympischen Spielen 1920 in Antwerpen. Unter dem Namen Kunstreiten traten Kavalleristen aus verschiedenen Ländern gegeneinander an. Es mussten in Einzel- und Mannschaftswettkämpfen Sprünge auf gesattelten und ungesattelten Pferden sowie in allen möglichen Gangarten ausgeführt werden. Jeweils drei Mann waren in einer Gruppe vertreten. In den Einzelwettkämpfen gewann der Belgier Bouckaert. Nach ihm kam Field für Frankreich und Finet für Belgien. In der Mannschaftswertung gewannen die Belgier vor Frankreich und Schweden. Nach den Olympischen Spielen entwickelte sich das Voltigieren in Deutschland zum Kindersport weiter. Der Sport wurde als Reitvorbereitung genutzt und auf verschiedenen Reitturnieren durften die Voltigierer ihr Können zeigen. Seidel, ein Ausbilder an der Kavallerieschule Hannover, war der Erste, der mit Kindern von den Angehörigen der Schule anfing zu voltigieren. Sie nannten sich die „Seideltruppe“ und traten als Schaunummer bei diversen Reitturnieren auf.

Schauvorführung 1958 beim Großen Preis der DDR.
Nach dem 2. Weltkrieg wurde das Voltigieren erstmals wieder 1950 im Universitätsreitstall in Göttingen aufgenommen. Drei Jahre später veröffentlichte Dieter Schnelle die erste moderne Voltigieranleitung, über die damals gängigsten Übungen und den Aufbau einer Voltigierabteilung. Nun war die Produktivität des Voltigiersports nicht mehr aufzuhalten. Es wurde von „Voltigiervertretern ein komplet -tes Regelwerk“ in wenigen Jahren verfasst. Außerdem organisierten sich die Voltigierer in Vereinen und veranstalteten eigene Turniere. Das erste wurde 1953 in Göttingen bei einem Reitturnier ausgerichtet. In den bundesweit gültigen Richtlinien waren die Pflichtübungen verankert.


Pflicht- und Kürübungen beim Voltigieren:
Beim Voltigieren wird zwischen Pflicht- und Kürübungen sowie dem Technikpro -gramm unterschieden. In der Pflicht existieren strikte Vorgaben bezüglich der zu turnenden Elemente, ihrer Reihenfolge und ihrer optimalen Ausführung. Dies ermöglicht eine direkte Vergleich -barkeit der einzelnen Voltigierer und Gruppen.
Die Pflicht besteht aus einer vorgegebenen Folge von verschiedenen Figuren. Im Gruppenvoltigieren wird die Pflicht in zwei Blöcke unterteilt, die nacheinander von jedem einzelnen Mitglied der Voltigiergruppe ausgeführt werden. Die Anforderungen variieren mit den Leistungsklassen. Im Einzelvoltigieren entsprechen die Übungen der Pflicht der S-Gruppen, sie werden allerdings jeweils in nur einem Block geturnt.
Beim Doppelvoltigieren existiert keine Pflicht.

VIDEO: FEI World Cup München 
http://www.youtube.com/watch?v=3Rp0xmcVKSg &feature=related


Figuren der Pflicht:
Leistungsklassen A  1. Block: Aufsprung, Freier Grundsitz, Bank-Fahne, Liegestütz mit Abgang nach außen. Leistungsklassen A  2. Block: Quersitz, Knien, Abhocken, nach innen, Landung. Leistungsklasse L und Junior  1. Block: Aufsprung, Freier Grundsitz, Halbe Mühle, Stützschwung rücklings, Abgang nach innen.
Leistungsklasse L und Junior  2. Block: Fahne Stehen Stützschwung vorlings Wende nach innen. Leistungsklasse M 1. Block: Aufsprung, Freier Grundsitz, Fahne, Mühle mit Abgang nach innen. Leistungsklasse M 2. Block: Schere. Stehen, 1. Teil der Flanke dann wieder zum normalen Sitz und anschließend Wende nach außen, wird als eine Note gewertet. Leistungsklasse S 1. Block: Aufsprung, Freier Grundsitz Fahne, Mühle. Leistungsklasse S 2. Block: Schere, Stehen, Flanke.

In der Kür ist hingegen freigestellt, welche Übungen der Voltigierer zeigt. Hier können also auch eigene Kreationen vorgestellt werden. In der Kür werden statische und dynamische Übungen nach eigenen Ideen der Sportler frei miteinander kombiniert.
Die einzelnen Kürelemente können in alle Blick und Bewegungsrichtungen ausgeführt werden. Eine Kür-Choreographie umfasst zusätzlich Arm- und Kopfbewegungen, die auf eine frei gewählte Musik abgestimmt sind. In den letzten Jahren hat es sich (v.a. in den oberen etabliert, die Kür unter ein bestimmtes Thema zu stellen, welches durch passende Musik, Choreographie und Bekleidung interpretiert wird. Im Turniersport wird die Kür nach folgenden Kritieren bewertet: Schwierigkeit, Ausführung und Gestaltung. Das Technikprogramm stellt eine Mischform aus Pflicht und Kür da. Hier werden vorgegebene Elemente mit weiteren Übungen frei kombiniert.

Das Mannschaftsvoltigieren wurde nun als eine attraktive und wettbewerbsfähige Sportart angesehen. Die Einordnung als ausschließlicher Kindersport verlor sich spätestens in den 60er Jahren, da endlich wieder Jugendliche und auch Erwach-
sene den Sport betrieben. Noch Jahre später profitierten die Voltigierer von den Bedingungen, die geschaffen wurden, da sie genug „Raum“ boten um die nächsten Jahre keine grossen Veränderungen vornehmen zu müssen. Immer mehr Teams bildeten sich und namen an den Gruppenwettkämpfen teil. Auch das Leistungsniveau stieg an. Die ersten Deutschen Gruppen-Meisterschaften fanden 1963 in Wiesbaden statt, welche die Gruppe aus Goslar gewann.






Ein Jahr später wurde in den Richtlinien eine Altersgrenze von 16 Jahren vorgeschrieben. Im Jahr 1972 hatte das Voltigieren seinen zweiten großen Auftritt bei Olympia in München. Die fünf besten deutschen Voltigiergruppen stellten mit ihren Zirkeln die fünf olympischen Ringe bei einer Schauvorführung dar und konnten sich somit der Weltöffentlichkeit präsentieren.

Mitte der 70er Jahre wurde das Einzelvoltigieren eingeführt. Viele forderten für diese neue Disziplin ein Reglement, damit auch dafür Wettbewerbe stattfinden konnten. Es dauerte allerdings fünf Jahre bis das Einzelvoltigieren 1980 in die Richtlinien aufgenommen wurde. Es wurde eine Altersgrenze von 21 Jahren bestimmt. Die ersten Deutschen Meisterschaften im Einzelvoltigieren wurden 1986 in Mannheim ausgetragen. Ein Jahr später wurde die Altersgrenze wieder international durch die FEI aufgehoben und wenige Jahre darauf auch durch die FN (Deutsche Reiterliche Vereinigung e.V. beziehungsweise Fédération Equestre Nationale), sodass sich Erwachsene in Deutschland wieder an den Einzel- und Duowettkämpfen beteiligen konnten.


Die Entwicklung seit der Anerkennung durch die FEI (Fédération Équestre Internationale):
Das 1. inoffizielle internationale Turnier, bei dem sechs Nationen zugegen waren, fand 1976 in Konstanz statt. Trotzdem wurde das Voltigieren durch die FEI-Generalversammlung als offizielle Sportart erst am 15. Dezember 1981 anerkannt. 1983 trat das erste internationale Regelwerk der FEI, basierend auf dem deutschen Reglement, in Kraft. Dadurch konnten nun auch offizielle internationale Turniere überall in der Welt ausgetragen werden. Im Jahre 1984 fand die erste Voltigier-Europameisterschaft in Ebreichsdorf bei Wien statt mit den Disziplinen Einzel – Damen, Einzel – Herren und Mannschaft. Die ersten Weltmeisterschaften wurden 1986 in Bulle/Schweiz ausgetragen.

In der Folgezeit entwickelte sich das Regelwerk des Voltigierens immer weiter. In den Jahren 1990 und 1994 veränderten sich die Richtlinien soweit, dass seit 1990 die Pflicht in zwei Blöcken und vier Jahre später die Voltigierwettbewerbe in die Leistungsklassen D, C, B und A eingeteilt wurden. Auch die Anforderungen in Kür und Pflicht wurden an das Leistungsniveau angepasst. 1990, im Zeitraum der Richtlinienänderung, fanden die Weltmeisterschaften erstmals im Rahmen der World Equestrian Games statt. Durch dieses Ereignis konnte sich das Voltigieren einem großen und vor allem auch internationalen Publikum als Leistungssport zur Schau stellen. Seitdem werden die Weltreiterspiele von der FEI im Vier-Jahres-Takt ausgetragen.

Deutschland besetzte in der Gesamtwertung bis 2006 ungeschlagen Platz 1. Auch die Voltigierer waren von der ersten Stunde an erfolgreich. Nachdem die deutschen Einzelvoltigierer (Herren sowie Damen) die ersten drei Plätze bei den Weltreiter -spielen 1990 belegten und die Mannschaft den zweiten Platz einnahm, konnte Deutschland bis ins Jahr 2006 in der Abteilung Voltigieren immer mindestens eine Goldmedaille in Empfang nehmen. Bei den Weltreiterspielen 2010 errang das deutsche Team Voltigieren immerhin drei Silber- und eine Bronzemedaille. Insgesamt ist Deutschland die weitaus erfolgreichste Voltigiernation der Welt.



Text und Fotos Wikipedia Creative Commons Attribution/Share Alike
Fotoquelle: (2) Turnbewegung Sokol Prag 1901
(3) Schauvorführung Großer Preis der DDR 1954
(5,6) Team Austria EM in Brünn 2008
Foto (1) Pixelio, von ich-und-du, aus der Steinzeit
Foto (4) Herbert Flötenmeyer © Voltigieren 02a19148
Vielen Dank auch an dieser Stelle Herr Flötenmeyer
Text und Fotos bearbeitet durch Reiner Rohde


 








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